Die Wahrheit verschwindet zwischen den Stimmen: Der klassische Ursprung des modernen unzuverlässigen Erzählens
„Im Dickicht“ setzt einen Mordfall aus mehreren Zeugenaussagen zusammen, wobei sich jede Version widerspricht. Je näher der Leser dem Ereignis kommt, desto mehr stellt er fest, dass die Wahrheit durch Verlangen, Scham, Stolz und narrative Strategien verschleiert sein könnte. Akira Kurosawas Film „Rashomon“ ist eine Adaption, die „Im Dickicht“ mit „Rashomon“ kombiniert und den „Rashomon-Effekt“ zu einem weltweiten Begriff für die Beschreibung multipler Wahrheiten gemacht hat.
Akutagawa Ryūnosuke wurde 1892 in Tokio geboren und begann während seines Studiums der englischen Literatur an der Kaiserlichen Universität Tokio zu schreiben. Mit der Erzählung „Die Nase“, die von Natsume Sōseki gelobt wurde, gelang ihm der Durchbruch. Er verstand es meisterhaft, klassische Stoffe wie aus dem „Konjaku Monogatarishū“ umzuarbeiten und die Unruhe des modernen Menschen durch einen präzisen Stil und kühle psychologische Analyse darzustellen. 1927 nahm er sich aufgrund chronischer Neurasthenie und Schlaflosigkeit im Alter von nur 35 Jahren das Leben.
Dieses Werk verkörpert Akutagawas größte Stärke: die Modernisierung klassischer Stoffe. Ein antiker Kriminalfall wird als modernes Problem der Psychologie und narrativen Erkenntnistheorie neu geschrieben. Analog zu modernen Werken lässt es sich mit der Manipulation von Zeugenaussagen und subjektiver Wahrheit bei Autoren wie Keigo Higashino oder Kanae Minato vergleichen und steht am Ursprung der im Film und Fernsehen verbreiteten Kriminalerzählungen aus multiplen Perspektiven.
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