Das „Hou Hanshu“ ist ein Geschichtswerk im Biografiestil (Jizhuanti), das die Geschichte der Östlichen Han-Dynastie (25–220 n. Chr.) dokumentiert. Es zählt zu den „Ersten Vier“ der klassischen chinesischen „24 Dynastiegeschichten“ (zusammen mit dem „Shiji“, „Hanshu“ und „Sanguozhi“). Verfasst wurde es von Fan Ye (398–445 n. Chr.), einem berühmten Historiker und Literaten der Frühen Liu-Song-Dynastie aus den Südlichen Dynastien.
Dieses Geschichtswerk ist bekannt für seinen „prachtvollen literarischen Stil und seine tiefgründige Struktur“ und nimmt einen herausragenden Platz in der chinesischen Historiographie ein.
I. Entstehungsgeschichte und Quellen
Das „Hou Hanshu“ wurde von Fan Ye nicht erfunden, noch war es das erste Werk über die Östliche Han-Zeit. Vor ihm gab es bereits zahlreiche Schriften zu dieser Epoche.
Ein Meisterwerk aus politischer Frustration: Im Jahr 432 wurde Fan Ye wegen ungebührlichen Verhaltens bei einer Beerdigung zum Präfekten von Xuancheng degradiert. In dieser Zeit politischer Enttäuschung beschloss er, „Schüler zu versammeln und alte Schriften zu studieren“, um die fragmentierten und komplexen historischen Materialien früherer Autoren radikal zu überarbeiten und umzuschreiben.
Wichtigste Quellen: Die wichtigste Grundlage bildete das offizielle Geschichtswerk der Östlichen Han-Zeit, das „Dongguan Hanji“. Zudem integrierte und prüfte er die damals kursierenden „Acht Hou Hanshu“, Yuan Hongs „Hou Hanji“ sowie Chen Shous „Sanguozhi“. Durch den Vergleich dieser Werke filterte Fan Ye das Wesentliche heraus und schuf einen Klassiker, der seine Vorgänger so weit übertraf, dass viele der anderen Werke im Laufe der Zeit verloren gingen.
II. Struktur und die historische Entwicklung der „Zhi“ (Abhandlungen)
Das heutige „Hou Hanshu“ umfasst 120 Bände, bestehend aus zehn Annalen (12 Bände), achtzig Biografien (88 Bände) und acht Abhandlungen (30 Bände). Dies entsprach jedoch nicht der ursprünglichen Form von Fan Yes Werk:
Die Tragödie des Originals (Fehlen der Abhandlungen): Fan Ye plante ein Monumentalwerk mit hundert Kapiteln, vergleichbar dem „Hanshu“. Doch im Jahr 445 wurde er in eine Verschwörung des Prinzen Liu Yikang verwickelt, verraten und hingerichtet. Es heißt, er habe die Entwürfe der zehn „Zhi“ (Spezialkapitel über Astronomie, Geographie, Beamtentum etc.) seinem Freund Xie Yan anvertraut. Dieser verbrannte die Manuskripte jedoch aus Angst vor Strafverfolgung. Daher besaß Fan Yes Werk ursprünglich nur Annalen und Biografien.
Ergänzung durch Liu Zhao und Sima Biao: Während der Liang-Dynastie bedauerte der Gelehrte Liu Zhao das Fehlen der institutionellen Geschichte. Er entnahm acht Abhandlungen aus Sima Biaos „Xu Hanshu“ (Fortsetzung des Hanshu) aus der Jin-Zeit und fügte sie Fan Yes Werk hinzu.
Zusammenführung in der Nördlichen Song-Dynastie: Im Jahr 1022 glaubte der Beamte Sun Shi fälschlicherweise, Liu Zhao selbst habe diese 30 Bände verfasst, um Fan Yes Lücke zu füllen. Er bat den Kaiser, Fan Yes Teile offiziell mit Sima Biaos Abhandlungen gemeinsam zu drucken. So verschmolzen diese Werke unterschiedlicher Autoren und Epochen zum heute bekannten 120-bändigen Werk.
III. Bedeutende Innovationen im Aufbau
Fan Ye folgte nicht blind den Beispielen des „Shiji“ und „Hanshu“, sondern bewies hohen künstlerischen und innovativen Geist:
Einführung der „Annalen der Kaiserinnen“: Ein Merkmal der Östlichen Han war die Macht der Kaiserwitwen (z.B. Deng und Dou) und der kaiserlichen Verwandtschaft. Fan Ye brach mit der Tradition und wandelte die „Biografien der kaiserlichen Verwandten“ in „Annalen der Kaiserinnen“ um – ein Unikum in den 24 Dynastiegeschichten, das den Einfluss der Frauen auf die Politik betont.
Neue Spezialbiografien: Als Reaktion auf den sozialen Wandel schuf er sieben einzigartige Biografie-Kategorien, darunter:
- „Biografien der Fraktionsverbotenen“ (Danggu): Über aufrechte Beamte, die gegen die Macht der Eunuchen kämpften.
- „Biografien der Eunuchen“: Über die Eunuchencliquen, die das Land am Ende der Dynastie ins Verderben stürzten.
- „Biografien der Literaten“ (Wenyuan): Eigene Kapitel für Schriftsteller.
- „Biografien der tugendhaften Frauen“ (Lienü Zhuan): Erstmals wurden in den Dynastiegeschichten gewöhnliche Frauen (wie Ban Zhao, Cai Yan) offiziell gewürdigt.
IV. Fan Yes Denken: Ein früher Atheist
Fan Ye war ein für seine Zeit avantgardistischer Denker, was dem Werk einen rational-kritischen Geist verleiht:
Kritik an Buddhismus und Aberglauben: In der Östlichen Han-Zeit gelangte der Buddhismus nach China. Fan Ye kritisierte die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und dem Karma scharf als absurd und verspottete Kaiser, die dem Buddhismus verfallen waren.
V. Literarischer Erfolg und der Charme der „Lunzan“ (Kommentare)
Fan Ye war ein Meister des Parallelstils (Pianwen). Das Glanzstück sind seine persönlichen Kommentare am Ende jeder Biografie. Darin analysiert er scharfzüngig die Charaktere und politischen Fehler der Ära. Diese Kommentare waren so beliebt, dass sie in der Tang-Dynastie sogar separat gesammelt wurden.
VI. Bewertung durch spätere Meister
Historiker wie Zhang Taiyan und Chen Yinke priesen das Werk als das bedeutendste nach dem „Shiji“ und „Hanshu“. Zusammenfassend ist das „Hou Hanshu“ nicht nur eine autoritative Quelle über den Aufstieg und Fall der Östlichen Han, sondern auch ein Gipfelwerk der klassischen Prosa.
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