„Ein Held unserer Zeit“ (1840) ist der erste sozialpsychologische und philosophische Roman der russischen Prosa, geschrieben von Michail Jurjewitsch Lermontow. Er stellt den Höhepunkt von Lermontows realistischer Prosa dar, ist ein Manifest der anthropologischen Krise der Generation der 1830er Jahre und eine tiefgreifende Untersuchung des Phänomens des „überflüssigen Menschen“.
1. Entstehungs- und Publikationsgeschichte
Konzept: Die Arbeit am Roman begann 1837 während Lermontows erstem kaukasischen Exil. Prototypen vieler Charaktere waren reale Personen, mit denen der Dichter im Kurort Pjatigorsk verkehrte (beispielsweise war Dr. N. V. Mayer das Vorbild für Dr. Werner).
Erste Veröffentlichungen: Ursprünglich existierte das Werk in Form einzelner Erzählungen, die in Andrei Krajewskis Zeitschrift „Otetschestwennyje Sapiski“ veröffentlicht wurden („Bela“ – 1839, „Der Fatalist“ – 1839, „Taman“ – 1840).
Einzelausgabe (1840): Der Roman erschien erstmals 1840 in St. Petersburg als geschlossenes Werk, das alle Erzählungen vereinte und die Kapitel „Maxim Maximowitsch“ sowie „Fürstin Mary“ hinzufügte.
Vorwort des Autors (1842): Die Erstausgabe löste einen Sturm der Kritik aus. Als Antwort auf die Vorwürfe der Unmoral schrieb Lermontow für die zweite Auflage (1842) das berühmte Vorwort, in dem er klar zwischen der Persönlichkeit des Autors und seinem Helden unterschied und erklärte, dass Petschorin ein „Porträt sei, zusammengesetzt aus den Lastern unserer ganzen Generation in ihrer vollen Entwicklung“.
2. Besonderheiten der Komposition und Chronologie
Der Roman besitzt eine einzigartige Struktur. Lermontow verletzte bewusst die Fabel (die reale Chronologie der Ereignisse), um sie dem Sujet unterzuordnen – der schrittweisen Enthüllung der Innenwelt Petschorins: vom Blick von außen bis zur tiefen Selbstanalyse in seinem eigenen Tagebuch.
Chronologische (reale) Reihenfolge der Lebensereignisse Petschorins:
„Taman“ – das erste Erscheinen des Helden an der kaukasischen Linie, seine Begegnung mit der Welt der Schmuggler. Erzählt aus der Ich-Perspektive Petschorins.
„Fürstin Mary“ – das Leben des Helden im Kurort Pjatigorsk, seine Liebesintrigen und das fatale Duell mit Gruschnizki. Erzählt aus der Ich-Perspektive Petschorins.
„Bela“ – Petschorins Versetzung in eine abgelegene Festung nach dem Duell, die Entführung der tscherkessischen Fürstin Bela und ihr tragischer Tod. Der Stabshauptmann Maxim Maximowitsch berichtet einem reisenden Offizier von den Ereignissen.
„Der Fatalist“ – eine kurze Abwesenheit Petschorins aus der Festung in ein Kosakendorf, wo er das Schicksal herausfordert. Erzählt aus der Ich-Perspektive Petschorins.
„Maxim Maximowitsch“ – eine zufällige Begegnung Petschorins mit seinem alten Freund Maxim Maximowitsch auf dem Weg nach Persien einige Jahre später. Erzählt aus der Sicht des reisenden Offiziers.
„Vorwort zu Petschorins Tagebuch“ – Nachricht vom Tod Petschorins bei der Rückkehr aus Persien, woraufhin der erzählende Offizier beschließt, dessen private Tagebücher zu veröffentlichen.
3. Die Figur des Grigori Petschorin
Grigori Alexandrowitsch Petschorin ist der Protagonist, ein brillanter Gardeoffizier, Aristokrat und tiefgründiger Intellektueller.
„Der überflüssige Mensch“: Petschorin besitzt enorme Energie, einen scharfen Verstand und einen starken Willen, doch seine schöpferischen Kräfte finden unter den Bedingungen der harten nikolaitischen Reaktion der 1830er Jahre keine Anwendung.
Psychologischer Dualismus: In ihm kämpfen zwei Menschen – der eine handelt aktiv, der andere beobachtet und verurteilt den ersten kaltblütig. Er bezeichnet sich selbst als „moralischen Krüppel“.
Zerstörer von Schicksalen: Um seine existenzielle Langeweile zu vertreiben, greift Petschorin in das Leben anderer ein und bringt allen in seiner Umgebung Unglück und Tod (Belas Tod, der Ruin des Lebens des blinden Jungen in „Taman“, die Tötung Gruschnizkis, das gebrochene Herz der Fürstin Mary und die Tragödie von Wera).
4. Weltweite Anerkennung und Übersetzungen
Der Roman trat fast sofort über die Grenzen Russlands hinaus und wurde zur Visitenkarte der russischen Prosa im Westen:
Französisch: Erste Übersetzungen erschienen bereits 1843 (u. a. von B. Constant und A. Musset).
Deutsch: Übersetzt im Jahr 1845 (von einem anonymen Autor) und später von Boltz (1852).
Englisch: Die ersten Übersetzungen erschienen 1854.
Verfilmungen: Der Roman wurde dutzende Male weltweit verfilmt – vom Stummfilm des Russischen Kaiserreichs (1913, 1914) über sowjetische Meisterwerke von Stanislaw Rostozki (1965–1966) bis hin zur Hollywood-Adaption von Michael Almereyda (1985) und modernen russischen Serien.
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