Die 1939 von Dazai Osamu in der Zeitschrift „Bungakukai“ veröffentlichte Kurzgeschichte „Schülerin“ ist ein außergewöhnliches Werk, das einen einzigen Tag vom Erwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend im Monologstil eines vierzehnjährigen Mädchens einfängt. Grundlage war ein echtes Tagebuch, das Dazai von einer unbekannten Leserin namens Ariake Shizue erhielt. Dazai verfeinerte die darin enthaltenen pubertären Schwankungen des Selbstbewusstseins und die pessimistischen Nuancen behutsam zu Literatur. Momente, in denen sie ihr eigenes Gesicht im Spiegel hässlich findet, ihr beobachtender Blick auf Fremde im Zug, die Erinnerung an den verstorbenen Vater, die subtile Distanz zur Mutter – der Tag des Mädchens vergeht ohne besondere Ereignisse in aller Stille, doch ihr Inneres ist in ständiger Bewegung und hinterlässt beim Leser einen leisen Schmerz.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde das Werk am höchsten von Kawabata Yasunari gelobt, dem späteren Literaturnobelpreisträger. Kawabata bezeichnete die Schülerin als „liebreizend und äußerst charmant, mit einer gewissen Vornehmheit“ und analysierte Dazais „Stream of Consciousness“-Stil weniger als psychologisch, sondern eher als „lyrisch und von musikalischem Effekt“. Dieses überschwängliche Lob führte dazu, dass Dazai mit Manuskriptanfragen überhäuft wurde. „Schülerin“ gilt als ein Höhepunkt in Dazais Schaffen und ist bis heute ein fester Bestandteil von japanischen Lehrbüchern und Taschenbuchausgaben.
Die einzigartige Darstellung der Mädchenhaftigkeit fasziniert Künstler über Generationen hinweg. 2014 wurde für die Gemeinschaftsausstellung „Kunstgeschichte des schönen Mädchens“ unter anderem im Aomori Museum of Art ein Animationsfilm unter der Regie von Shigeyoshi Tsukahara und mit der Sprecherin Mimori Yusa produziert. Er stellte die Fantasiewelt des Mädchens in einer visionären Optik im Stil von Katsuji Matsumoto dar und gewann den Preis der Jury beim Sapporo International Short Film Festival. In jüngerer Zeit veröffentlichte die Akutagawa-Preisträgerin Rie Kudan den Roman „Schoolgirl“, der auf diesem Werk basiert. So verleiht dieses kleine Stück über den Tag eines Mädchens selbst Autoren der Reiwa-Ära immer wieder neue Inspiration.
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