Das einzigartige Gerüst der „Chroniken der Drei Reiche“: Eine Biografien-Sammlung, die sich nicht an das klassische „Zhi“-Format hält.
Obwohl der Titel „Sanguozhi“ (Aufzeichnungen der Drei Reiche) lautet, ist das Werk formal sehr eigenwillig – es fehlen völlig die in traditionellen Geschichtsbüchern üblichen „Zhi“-Kapitel (Abhandlungen über Wirtschaft, Geografie, Zeremoniell) und „Biao“ (Zeittafeln). Das gesamte Werk besteht rein aus Kaiser-Annalen (Benji) und Biografien (Liezhuan).
Das Werk umfasste ursprünglich 66 Bände (davon ist ein Nachwort-Band verloren gegangen, 65 Bände sind erhalten) und dokumentiert die 96-jährige Geschichte vom Aufstand der Gelben Turbane (184 n. Chr.) bis zur Vereinigung durch die Westliche Jin-Dynastie (280 n. Chr.). Es wurde in der Nördlichen Song-Dynastie aus drei ursprünglich unabhängigen Teilen zusammengeführt:
„Wei Shu“ (30 Bände): Der umfangreichste Teil. Da Chen Shou auf die reichhaltigen offiziellen Aufzeichnungen von Cao Wei zurückgreifen konnte (wie Wang Shens „Wei Shu“ und Yu Huans „Weilüe“), ist der Inhalt am detailliertesten.
„Shu Shu“ (15 Bände): Der kürzeste Teil. Da das Regime von Shu Han keine offiziellen Historiker ernannte und keine Geschichtsbücher führte, musste Chen Shou alle Informationen nach seiner Rückkehr nach Luoyang aus seinem Gedächtnis (er war Beamter in Shu Han) und aus Volkserzählungen mühsam zusammenfügen, weshalb dieser Teil extrem prägnant ist.
„Wu Shu“ (20 Bände): Mittlerer Umfang. Er basiert hauptsächlich auf der Umarbeitung des von Wei Zhao verfassten „Wu Shu“ aus Ost-Wu.
Schreibweise in den Spalten: Die „politische Korrektheit“ eines Beamten der Westlichen Jin-Dynastie
Chen Shou war zum Zeitpunkt der Abfassung ein Beamter der Westlichen Jin, und der Jin-Thron wurde durch die „Abretung“ von Cao Wei erlangt. Um die Legitimität des damaligen Hofes zu wahren, bewies Chen Shou in seinem Buch ein hohes Maß an „Überlebensinstinkt“ und politischer Positionierung:
Cao Wei als orthodox: Nur die Herrscher von Wei (Cao Cao, Cao Pi usw.) werden in den „Annalen“ (Benji) geführt und erhalten die Behandlung legitimer Kaiser.
Rehabilitierung für Liu Bei von Shu Han: Obwohl er den Staatsnamen „Han“ von Shu Han nicht anerkannte und das Land nur „Shu“ nannte, zeigte Chen Shou gegenüber seinem alten Herrn Liu Bei Rücksicht. Er nannte Liu Bei nicht direkt beim Namen, sondern bezeichnete ihn respektvoll als „Biografie des ersten Herrn“ (Xianzhu Zhuan) und verwendete bei der Erwähnung seines Todes das dem Kaiser vorbehaltene Wort „cu“.
Marginalisierung von Ost-Wu: Bei Sun Quan benutzte Chen Shou direkt dessen Namen, und die Dokumente zu Sun Quans Thronbesteigung wurden im Haupttext bewusst weggelassen.
Tabu-Namen für die Vorfahren der Jin-Dynastie: Aus Respekt vor den Herrschern der Jin verzichtete Chen Shou völlig darauf, Biografien für Sima Yi, Sima Shi und Sima Zhao zu verfassen, die posthum zu Kaisern ernannt worden waren. Wenn er sie erwähnte, benutzte er nur ihre posthumen Titel (wie Sima Xuan Wang) und niemals ihre Eigennamen.
Das Ergänzungsprojekt der Geschichte: Pei Songzhis „göttlicher Assistenz“
Aufgrund des schlichten Schreibstils der späten Östlichen Han-Dynastie und Chen Shous wissenschaftlicher Strenge („lieber keine Quellen verwenden, bei denen man sich unsicher ist“) war der Haupttext des Sanguozhi zu knapp. Über hundert Jahre später konnte Kaiser Wen von der Südlichen Song-Dynastie dies nicht mehr mit ansehen und befahl dem Historiker Pei Songzi, das Werk zu kommentieren.
Dieser Kommentar katapultierte das Sanguozhi an die Spitze der Geschichtsschreibung. Pei Songzi sammelte über 240 Arten von historischem Material, wodurch der Inhalt dreimal so umfangreich wurde wie das Originalwerk! Sein Ergänzungsplan stützte sich auf sechs Methoden:
Abwägung von Richtig und Falsch: Er zitierte verschiedene Kommentare, um die Richtigkeit historischer Ereignisse zu prüfen.
Korrektur von Fehlern: Er verglich unterschiedliche Quellenberichte auf ihren Wahrheitsgehalt.
Detailergänzung: Er erläuterte die Hintergründe von Ereignissen, die im Haupttext zu kurz kamen (z. B. Details zur Schlacht am Roten Felsen).
Füllen von Lücken: Er ergänzte historische Ereignisse, die im Haupttext völlig fehlten.
Detaillierte Biografien: Er verfasste ausführliche Lebensläufe für Personen, die im Haupttext unklar oder gar nicht erwähnt wurden.
Das Echo der Geschichte:
Als Luo Guanzhong in der Yuan-Dynastie den „Roman der Drei Reiche“ verfasste, basierten die berühmten „sieben Teile Fakten, drei Teile Fiktion“ zu einem großen Teil nicht auf Erfindungen, sondern auf den wertvollen Volkssagen und Anekdoten, die Pei Songzi in seinen Kommentaren bewahrt hatte.
Die ultimative wissenschaftliche Debatte aus zwei Jahrtausenden
Die Kritik an Chen Shou und dem Sanguozhi konzentriert sich vor allem auf zwei hochdramatische Streitpunkte:
Streitpunkt 1: Hat Chen Shou private Rache geübt?
Das in der Tang-Dynastie zusammengestellte „Buch von Jin“ schwärzte Chen Shou heftig an und warf ihm Engstirnigkeit vor: Er soll von den Nachkommen von Ding Yi „tausend Scheffel Reis“ als Gegenleistung für eine gute Biografie verlangt haben. Als dies abgelehnt wurde, habe er den Ding-Brüdern keine Biografie geschrieben. Zudem hieß es, sein Vater sei wegen des Falls Ma Su von Zhuge Liang mit der Schandstrafe des Haareschneidens (Kunxing) belegt worden, weshalb er Zhuge Liang im Buch als „militärisch nicht besonders begabt“ herabgesetzt habe.
Gegenargumente der Nachwelt: Gelehrte der Qing-Dynastie wiesen darauf hin, dass die Familie Ding bereits 13 Jahre vor Chen Shous Geburt von Cao Pi hingerichtet worden war – es gab also keine Nachkommen, die ihm Reis hätten schicken können. Dass sie keine Biografie erhielten, lag schlicht daran, dass sie Verbrecher des Wei-Staates waren. Die Bewertung von Zhuge Liang war ein objektives Urteil eines Historikers und schmälerte dessen Verdienste um die Staatsführung keineswegs.
Streitpunkt 2: Ist „Cao Chong wiegt den Elefanten“ eine wahre Begebenheit oder ein indisches Märchen?
Moderne Gelehrte wie Chen Yinke äußerten Zweifel und meinten, dass es in Zentralchina gar keine Elefanten gab. Die Geschichte von Cao Chong sei höchstwahrscheinlich aus der indischen buddhistischen Schrift „Zabaozang Jing“ kopiert oder als Volkssage adaptiert worden.
Moderner wissenschaftlicher Widerspruch: Forschungen zur historischen Geografie und Biologie haben diesen Zweifel entkräftet. Daten zeigen, dass die nördliche Grenze des Lebensraums Asiatischer Elefanten zur Zeit der Drei Reiche in der Region Qinling-Huaihe lag. Jiangdong (einschließlich des heutigen Fujian und Guangdong), das von Sun Quan kontrolliert wurde, war genau die Heimat dieser Elefanten. Es ist völlig plausibel, dass Sun Quan zu Beginn seiner Herrschaft Cao Cao einen südlichen Elefanten schenkte, um ihn gnädig zu stimmen – zeitlich, geografisch und politisch ergibt dies Sinn.
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