Der Spinnenfaden

Der Spinnenfaden

von Ryūnosuke Akutagawa

Die Kurzgeschichte „Der Spinnenfaden“, die Ryūnosuke Akutagawa 1918 in der Erstausgabe der von Mieki Suzuki gegründeten Kinderliteraturzeitschrift „Akai Tori“ veröffentlichte, war Akutagawas erstes Werk der Kinderliteratur, wird aber bis heute als eine Fabel gelesen, die auch Erwachsene tief berührt. Buddha, der vom Lotosteich des Paradieses in die Hölle hinabblickt, versucht den Dieb Kandata zu retten, der zu Lebzeiten ein einziges Mal eine Spinne verschont hatte, indem er ihm einen silbernen Spinnenfaden hinabreicht. Als Kandata, der am Faden emporsteigt, die zahllosen Sünder sieht, die ihm folgen, und schreit: „Dieser Spinnenfaden gehört mir! Runter da! Runter!“, reißt der Faden im selben Moment direkt über ihm, und er stürzt zurück auf den Grund der Hölle. Diese in wenigen hundert Schriftzeichen konzentrierte Geschichte von Egoismus und Karma gilt aufgrund der Art und Weise, wie sie die Schwere buddhistischer Parabeln einfängt, als eine der bekanntesten Kurzgeschichten in der Geschichte der japanischen Kinderliteratur.

Auch die Untersuchungen zu den Quellen des Werks sind interessant. Früher glaubte man, das Werk sei von der Episode der „Zwiebel“ in Dostojewskis 1880 erschienenen „Die Brüder Karamasow“ inspiriert worden. Heute gilt es jedoch als gesichert, dass eine Erzählung aus Paul Carus' „Karma“ (in der japanischen Übersetzung „Inga no Oguruma“) die Quelle war. Die Tatsache, dass diese Erzählung, die wirkt, als basiere sie auf buddhistischen Schriften, tatsächlich die Schöpfung eines in Deutschland geborenen amerikanischen Religionswissenschaftlers war, wird in der Komparatistik oft als seltenes Beispiel dafür angeführt, wie sich westliche und östliche Erzähltraditionen überlagerten, um ein Werk der modernen japanischen Literatur hervorzubringen.

Ihr Einfluss erstreckt sich weit über die Literatur hinaus. Akutagawas dritter Sohn, der Komponist Yasushi Akutagawa, adaptierte die Geschichte musikalisch für sein Ballett „Der Spinnenfaden“ und hauchte der Erzählung seines Vaters neues Leben ein. Der Science-Fiction-Autor Sakyō Komatsu merkte an, es sei „nur natürlich gewesen, dass Kandata forderte, die anderen sollten den Faden loslassen“, und schrieb eine Parodie, die die Rollen von Hölle und Paradies vertauschte – ein Paradebeispiel für die kühnen Neuinterpretationen späterer Autoren. Dass Musiker unterschiedlicher Generationen und Genres wie Kinniku Shōjo Tai, Mika Nakashima oder Sakanaction die Geschichte in ihren Liedern verarbeitet haben, zeigt ebenfalls, wie tief Kandatas Ausruf in der japanischen Vorstellungskraft verwurzelt ist.

Verlag
BookAI
Veröffentlicht
2026-07-03

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