Alice hinter den Spiegeln (Originaltitel: Through the Looking-Glass, and What Alice Found There): Ein umfassender Leitfaden
Erschienen im Dezember 1871 (datiert auf 1872), ist „Alice hinter den Spiegeln“ die gefeierte Fortsetzung von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Während das erste Buch Spielkarten als zentrales Motiv nutzte, ist dieser Teil gänzlich um das Schachspiel herum strukturiert, angesiedelt in einer Welt, in der die Logik umgekehrt ist und die Landschaft selbst einem riesigen Schachbrett gleicht.
1. Handlungsüberblick und Struktur
Die Geschichte beginnt in einer verschneiten Novembernacht, als Alice beim Spielen mit ihren Kätzchen über die Welt hinter dem Spiegel über ihrem Kamin nachdenkt. Beim Durchschreiten des Glases entdeckt sie eine „gespiegelte“ Version ihres eigenen Hauses, in der Schachfiguren lebendig sind und alles in umgekehrter Weise funktioniert.
Die Reise über das Schachbrett
Die Landschaft ist durch Bäche und Hecken in Quadrate unterteilt. Alice nimmt als weißer Bauer am Spiel teil und ersetzt Lily, die Tochter der Weißen Königin. Ihr Ziel ist es, die achte Reihe zu erreichen, um eine Königin zu werden. Ihre Reise durch die Kapitel entspricht ihren Bewegungen auf dem Brett:
Der Garten der sprechenden Blumen: Alice trifft die Rote Königin und erkennt, dass die Landschaft ein riesiges Spiel ist.
Der Wald ohne Namen: Ein Ort, an dem Alice und ein Rehkitz kurzzeitig ihre Identität vergessen, was Carrolls Interesse an der Willkürlichkeit der Sprache unterstreicht.
Tweedledee und Tweedledum: Die Zwillinge rezitieren „Das Walross und der Zimmermann“ und führen das philosophische Dilemma vom Traum des Roten Königs ein – die Frage, ob Alice lediglich ein Hirngespinst des Königs ist.
Humpty Dumpty: Auf einer Mauer sitzend, erklärt er „Kofferwörter“ (Portmanteau-Wörter) und feiert „Nicht-Geburtstage“.
Der Weiße Ritter: Ein gütiger, exzentrischer Erfinder, der Alice rettet und sie zum letzten Bach begleitet. Er wird oft als Karikatur von Carroll selbst angesehen.
Königin Alice: Alice erreicht die achte Reihe, wird gekrönt und nimmt an einem chaotischen Bankett teil, bevor sie „aufwacht“ und feststellt, dass sie ihr schwarzes Kätzchen schüttelt, von dem sie glaubt, es sei die ganze Zeit die Rote Königin gewesen.
2. Linguistische Innovation und Poesie
Carroll nutzte die Alice-Bücher, um die Kinderliteratur vom didaktischen, moralisierenden Ton der viktorianischen Ära zu befreien. Der Roman ist berühmt für seine Nonsens-Verse und sprachlichen Rätsel.
Bemerkenswerte Gedichte
„Jabberwocky“ (Der Jammerwoch): Vielleicht das berühmteste Nonsens-Gedicht in englischer Sprache. Es verwendet erfundene Wörter, die evokativ klingen, obwohl ihnen traditionelle Definitionen fehlen (z. B. vorpal, galumphing, chortle).
„Das Walross und der Zimmermann“: Ein erzählendes Gedicht, das sich mit den Themen List und Unschuld befasst.
„A-sitting On a Gate“: Die Ballade des Weißen Ritters, eine Parodie auf Wordsworths „Resolution and Independence“.
Wortschöpfungen und Redewendungen
Das Buch führte zahlreiche Phrasen in den Wortschatz ein:
„Morgen Marmelade und gestern Marmelade – aber niemals heute Marmelade“ (bezieht sich auf Versprechen, die nie erfüllt werden).
„Kofferwörter“ (zwei Bedeutungen in ein Wort gepackt).
„Sechs unmögliche Dinge vor dem Frühstück“.
„Nicht-Geburtstagsgeschenke“.
3. Themen und Satire
Jenseits der skurrilen Oberfläche erkundet der Roman tiefe philosophische und soziale Themen.
Spiegel-Logik: Carroll erforscht Symmetrie und Inversion. Um die Rote Königin zu erreichen, muss Alice von ihr weggehen; um an einem Ort zu bleiben, muss man mit voller Geschwindigkeit rennen (die Red-Queen-Hypothese).
Der Übergang zum Erwachsenenalter: Das Buch ist melancholischer als sein Vorgänger und konzentriert sich auf das Vergehen der Zeit und das „Ende der Kindheit“, symbolisiert durch den Einzug des Winters.
Oxford-Satire: Einige Wissenschaftler vermuten, dass das Buch die Oxford-Bewegung satiriert. In dieser Lesart repräsentieren Charaktere wie die Tweedle-Zwillinge die Fraktionen der „High Church“ und „Low Church“, während Humpty Dumptys „Unzugänglichkeit“ das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit verspottet.
Mathematische Logik: Als Mathematiker verlieh Carroll der Erzählung logische Paradoxien und Untersuchungen von Ursache und Wirkung.
4. Produktion und Illustrationen
John Tenniel, der Chefzeichner des Magazins Punch, lieferte die ikonischen Originalillustrationen. Die Zusammenarbeit war aufgrund von Carrolls Perfektionismus bekanntermaßen schwierig.
Die Wespe mit Perücke: Ein Kapitel über eine Wespe, die eine gelbe Perücke trägt, wurde aus den ursprünglichen Druckfahnen gestrichen, da Tenniel behauptete, es läge „jenseits der Möglichkeiten der Kunst“ und interessiere ihn nicht. Der fehlende Text wurde erst 1977 wiederentdeckt und veröffentlicht.
Ausgaben zum 150. Jubiläum: Moderne Illustratoren wie Chris Riddell haben das Werk neu interpretiert und Vollfarb-Illustrationen geschaffen, um das bleibende Erbe von Tenniel und Carroll zu feiern.
5. Adaptionen und Vermächtnis
Der Einfluss des Buches erstreckt sich auf Wissenschaft, Literatur und Popkultur.
Wissenschaft: Die „Red-Queen-Hypothese“ in der Evolutionsbiologie beschreibt die Notwendigkeit für eine Spezies, sich ständig weiterzuentwickeln, nur um ihre relative Fitness innerhalb der Systeme zu erhalten, mit denen sie koevolviert.
Medien: Es wurde zahlreiche Male für die Bühne (Royal Shakespeare Company), das Radio (BBC) und das Fernsehen adaptiert (mit Schauspielern wie Kate Beckinsale und Margaret Rutherford).
Literatur: Autoren von Douglas Adams bis Jorge Luis Borges haben auf Carrolls Bildsprache von Träumen, Spiegeln und logischem Unsinn zurückgegriffen.
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