Shijing (Buch der Lieder)

Shijing (Buch der Lieder)

von Unbekannt

I. Kernüberblick und philosophische Verortung des Shijing

Das „Shijing“ (Buch der Lieder) ist die älteste Sammlung von Gedichten in der chinesischen Geschichte. In der Vor-Qin-Zeit wurde es ursprünglich nur als „Shi“ (Lieder) oder aufgrund der Anzahl der enthaltenen Stücke allgemein als „Shi Sanbai“ (Die dreihundert Lieder) bezeichnet. Diese Anthologie enthält Gedichte aus einem Zeitraum von etwa fünfhundert Jahren, vom Beginn der Westlichen Zhou-Dynastie bis zur Mitte der Frühlings- und Herbstperiode (ca. 11. bis 6. Jahrhundert v. Chr.), insgesamt 305 Stücke, zuzüglich 6 „Sheng-Gedichten“, die nur Titel, aber keinen Text besitzen (Nan Gai, Bai Hua, Hua Shu, You Geng, Chong Qiu, You Yi).

Ab der Han-Dynastie erhoben konfuzianische Gelehrte das Werk zu einem erhabenen politischen und moralischen Klassiker und stellten es als eines der „Fünf Klassiker“ (Wujing) neben das „I Ging“, das „Buch der Urkunden“, das „Buch der Riten“ und die „Frühlings- und Herbstannalen“. Die offizielle Bezeichnung „Shijing“ lässt sich historisch jedoch etwa erst ab dem Beginn der Südlichen Song-Dynastie nachweisen.

Das „Shijing“ ist ein äußerst realistischer Spiegel des gesellschaftlichen Lebens der Zhou-Zeit. Sein Inhalt ist allumfassend und spiegelt nicht nur Arbeit und Liebe, Krieg und Frondienst, Unterdrückung und Widerstand, Bräuche und Ehe, Ahnenkult und Bankette wider, sondern verzeichnet auch in großem Umfang Himmelsphänomene, Topographie, Flora und Fauna des Gelben Flusses. Als Quelle der chinesischen Literatur wird es zusammen mit Qu Yuans „Li Sao“ aus dem Süden als „Feng-Sao“ bezeichnet und begründete die jahrtausendelange Tradition des Realismus in der chinesischen Literatur.

II. Entstehungsprozess und historische Überlieferung

1. Entstehung und Redaktionsreihenfolge

Akademische Untersuchungen belegen, dass das „Shijing“ über Jahrhunderte hinweg sukzessive ediert wurde. Zeitlich gesehen sind die ältesten Werke die „Zhou Song“ (Hymnen von Zhou), gefolgt von „Da Ya“ (Große Oden), dann „Xiao Ya“ (Kleine Oden), während „Shang Song“, „Lu Song“ und „Guo Feng“ (Sitten der Länder) am spätesten entstanden. Die frühesten Werke reichen bis in die frühe Westliche Zhou-Dynastie zurück (wie das Zhou Gongdan zugeschriebene „Bin Feng: Chi Xiao“), die spätesten bis zur Mitte der Frühlings- und Herbstperiode (wie „Chen Feng: Zhu Lin“).

Zur Frage, wie die Alten diese Lieder sammelten, gibt es drei historische Haupttheorien:

Die Theorie der kaiserlichen Liedersammlung: Sie besagt, dass der Hof der Zhou-Dynastie spezielle Beamte (Qiuren) entsandte, die während der Erntezeit das Land bereisten, um Volkslieder und Kinderreime zu sammeln. Diese wurden dem Kaiser vorgelegt, um „Bräuche zu beobachten und Erfolge wie Misserfolge zu erkennen“ sowie die Volksstimmung zu prüfen.

Die Theorie der dargebrachten Lieder: Sie besagt, dass der Zhou-Kaiser den Lehnsfürsten und hohen Beamten befahl, dem Königshaus regelmäßig Lieder darzubringen, um die Sitten der Regionen zu beurteilen.

Die Theorie der Redaktion durch Konfuzius: Sima Qians „Shiji“ berichtet, dass es ursprünglich über 3000 Lieder gab, die von Konfuzius nach konfuzianischen Kriterien auf 305 Stücke reduziert wurden. Gelehrte wie Kong Yingda (Tang-Dynastie) und Fang Yurun (Qing-Dynastie) bezweifelten dies jedoch, da im „Zuo Zhuan“ vermerkt ist, dass Prinz Ji Zha von Wu bereits eine Tanz- und Musikfolge im Staate Lu bewunderte, die dem heutigen „Shijing“ entsprach, als Konfuzius noch keine 10 Jahre alt war. Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass das „Shijing“ eine kollektive Kompilation von Zhou-Historikern und Musikmeistern ist, während Konfuzius an der späteren musikalischen Ordnung und Verbreitung beteiligt war und es als Kernlehrbuch nutzte.

2. Die vier Schulen der Han-Zeit und Textentwicklung

Nach der Bücherverbrennung durch Qin Shihuang überlebte das „Shijing“ durch mündliche Überlieferung. Zu Beginn der Westlichen Han-Dynastie spalteten sich die Gelehrten in vier Hauptschulen auf:

Die Neutext-Schulen (Sanjia Shi): Qi-Shi, Lu-Shi und Han-Shi. Diese drei verwendeten die damalige Kanzleischrift (Lishu). Sie standen stark unter dem Einfluss der Morallehre und interpretierten Liebeslieder oft als politische Allegorien oder Satiren. Diese drei Schulen sind heute fast vollständig verloren (Qi-Shi in der Wei-Zeit, Lu-Shi in der Westlichen Jin-Zeit, Han-Shi in der Nördlichen Song-Zeit); nur die „Han Shi Wai Zhuan“ (10 Bände) blieb erhalten.

Die Alttext-Schule (Mao-Shi): Überliefert von Mao Heng und Mao Chang aus dem Staat Lu. Sie behaupteten, ihre Version gehe auf den Konfuzius-Schüler Zixia zurück und verwendeten die alten Schriftzeichen der Sechs Reiche aus der Zeit vor Qin. Mao-Shi erklärte die Gedichte oft anhand historischer Ereignisse des „Zuo Zhuan“. In der Wei-Jin-Zeit wurde diese Schule zur dominierenden Lehre. Das „Shijing“, das wir heute lesen, ist die einzig erhaltene „Mao-Shi“-Version.

Moderne Archäologie bereichert das Bild weiter. Die 2015 von der Anhui-Universität erworbenen Bambusstreifen aus dem Staate Chu („Andajian“) sind die älteste bekannte Abschrift (ca. 400–350 v. Chr.). Im Jahr 2025 wurde im Grab des Markgrafen von Haihun erstmals eine vollständige Fassung aus der Qin-Han-Zeit entdeckt, die wertvolles Material für Textvergleiche liefert.

III. Klassifizierung: „Vier Anfänge und Sechs Prinzipien“

Für die Struktur und Technik des „Shijing“ prägten die Alten den Begriff „Si Shi Liu Yi“ (Vier Anfänge, Sechs Prinzipien). Die „Vier Anfänge“ beziehen sich auf die jeweils ersten Lieder in den Kategorien Feng, Xiao Ya, Da Ya und Song (Guan Ju, Lu Ming, Wen Wang, Qing Miao). Der Kern sind jedoch die „Sechs Prinzipien“ (Liu Yi).

1. Inhaltliche und musikalische Klassifizierung: Feng, Ya, Song

Feng (Guo Feng): 160 Stücke, unterteilt in die „Sitten der 15 Länder“. Es handelt sich um Volkslieder aus dem Kerngebiet der Zhou und den Lehnsstaaten (z.B. Zheng, Wei, Qin). „Guo Feng“ ist das literarische Herzstück des Shijing, vielfältig im Stil und meist von einfachen Menschen verfasst.

Ya: 105 Stücke, vornehmlich die „elegante Musik“ des direkten Herrschaftsgebiets (Wangji). Unterteilt in „Xiao Ya“ (74 Stücke) für private Bankette von Beamten und „Da Ya“ (31 Stücke) für feierliche Zeremonien und Ermahnungen des Herrschers. Die Autoren waren meist Adlige und Beamte.

Song: 40 Stücke, feierliche Hymnen für Ahnenopfer in Tempeln, begleitet von Tanz. Unterteilt in „Zhou Song“ (frühe Westliche Zhou), „Lu Song“ (Hofmusik von Lu) und „Shang Song“ (Hymnen der Nachfahren der Shang).

2. Ausdrucksmittel: Fu, Bi, Xing

Zhu Xi (Song-Dynastie) gab im „Shi Ji Zhuan“ die klassische Definition:

Fu: Direkte Darstellung und Erzählung. Die Handlung, Szenerie oder Emotion wird schlicht und direkt geschildert. Häufig in „Da Ya“ und „Song“.

Bi: Vergleich oder Metapher. Ein Ding wird durch ein anderes versinnbildlicht. Beispiel: In „Wei Feng: Shuo Shu“ wird ein gieriger Herrscher direkt mit einer fetten, abscheulichen Ratte verglichen.

Xing: Assoziativer Auftakt. Der Dichter beschreibt erst eine Naturerscheinung, um dann auf das eigentliche Thema oder Gefühl überzuleiten. Beispiel: „Guan Ju“ beginnt mit dem Ruf der Fischadler auf einer Flussinsel, was die Sehnsucht nach einer „holden Maid“ einleitet.

IV. Struktur der Kapitel

Die 305 Gedichte sind im Mao-System wie folgt gegliedert:

Guo Feng (Nr. 001–160): 160 Lieder aus 15 Regionen (Zhou Nan, Shao Nan, Bei Feng, Yong Feng, Wei Feng, Wang Feng, Zheng Feng, Qi Feng, Wei Feng, Tang Feng, Qin Feng, Chen Feng, Gui Feng, Cao Feng, Bin Feng).

Xiao Ya (Nr. 161–234): 74 Lieder, unterteilt in verschiedene Dekaden (Zehner-Gruppen).

Da Ya (Nr. 235–265): 31 Lieder.

Song (Nr. 266–305): 40 Lieder (Zhou Song, Lu Song, Shang Song).

V. Literarische Leistung, Bewertung und moderne Reflexion

1. Historische Wertschätzung

Das „Shijing“ gilt als „Ahn der reinen Literatur“ und „Ahn der Poesie“. Konfuzius pries es mit den Worten:

„Die dreihundert Lieder lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Ihre Gedanken sind ohne Falsch (Si Wu Xie).“

Er lehrte, dass man ohne das Studium der Lieder nicht angemessen sprechen könne („Bu xue shi, wu yi yan“) und dass sie die moralische Bildung sowie die Beobachtungsgabe schärfen.

2. Moderne Strömungen seit der 4.-Mai-Bewegung

In der Moderne brach Hu Shi mit der moralischen Idealisierung durch die konfuzianische Lehre. Er betrachtete das „Shijing“ als bloße „Sammlung alter Volkslieder“ und wertvolles Material für Sozialgeschichte und Linguistik. Er kritisierte die gezierten Interpretationen der alten Gelehrten.

In diesem Klima entstanden menschlichere, teils provokante Deutungen:

Hu Shis Neudeutungen: Er interpretierte bestimmte Partikeln neu und sah in einigen Gedichten realistische Schilderungen des Schicksals unterer Gesellschaftsschichten.

Li Aos folkloristische Analysen: Der Autor Li Ao und andere moderne Gelehrte wiesen darauf hin, dass das „Shijing“ vulgäre Sprache der Vorfahren bewahrte. Beispielsweise wurde das Schriftzeichen „Qie“ (且) in „Zheng Feng: Jian Shang“, das traditionell als Partikel erklärt wurde, als piktographischer Ursprung für das männliche Geschlechtsorgan identifiziert. Die Übersetzung wandelt sich so von einer moralischen Lehre zu einem lebhaften, frechen Dialog einer verliebten Frau: „Du törichter Junge, was bildest du dir eigentlich ein!“

Dieser Wandel vom „heiligen Klassiker“ zum „lebendigen Volkslied“ schmälert den Wert des Werkes nicht, sondern lässt das alte China für den modernen Leser menschlicher und greifbarer werden.

Verlag
BookAI
Veröffentlicht
2026-05-22

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