Platero und ich wurde 1914 veröffentlicht und ist eines der beliebtesten und universellsten Werke von Juan Ramón Jiménez, einer zentralen Figur der spanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts und Literaturnobelpreisträger des Jahres 1956. Obwohl es auf den ersten Blick wie ein zartes Buch über einen Dichter und seinen kleinen silbernen Esel wirkt, entwickelte sich das Werk zu einem der einflussreichsten Texte der lyrischen Prosa in spanischer Sprache. Jiménez verwandelte das Alltagsleben in Moguer – seine weißen Gassen, die armen Kinder, die Obstgärten, die fernen Glocken und die andalusische Melancholie – in eine poetische Vision zwischen Erinnerung und Traum.
Platero erscheint schon auf den ersten Seiten als ein fast unwirkliches Geschöpf: »Platero ist klein, haarig, weich; außen so weich, dass man sagen möchte, er sei ganz aus Baumwolle«. Dieser Satz, der zu einem der berühmtesten Bilder der hispanischen Literatur geworden ist, fasst das Wesen des Buches zusammen: Zärtlichkeit, Unschuld und eine extreme Sensibilität gegenüber dem Vergehen der Zeit. Das Eselchen ist nicht nur ein Haustier; es ist der stille Vertraute des Erzählers, der Spiegel seiner Einsamkeit und die letzte Zuflucht der Reinheit in einer von Tod und Vergänglichkeit geprägten Welt. Durch Platero schuf Jiménez eine Meditation über die verlorene Kindheit, die bescheidene Schönheit und die Zerbrechlichkeit der Existenz.
Der kulturelle Einfluss von Platero und ich überschritt schnell die Grenzen Spaniens. Das Werk wurde von dem italienischen Komponisten Mario Castelnuovo-Tedesco vertont, der 1960 eine Suite für Gitarre und Erzähler komponierte, die von den Episoden des Buches inspiriert war. Später schuf auch der spanische Gitarrist und Komponist Eduardo Sainz de la Maza eine berühmte Suite basierend auf dem Werk und festigte Plateros Präsenz im klassischen Gitarrenrepertoire. 1968 verfilmte der Regisseur Alfredo Castellón das Buch und bewies damit, dass das intime und poetische Universum von Jiménez auch auf das Filmbild übertragbar ist. Jahrzehnte später präsentierte der Dramatiker Josep-Antoni Garí eine Theateradaption in Genf, um den hundertsten Jahrestag der Veröffentlichung zu feiern.
Die Spuren von Jiménez reichten bis in die angelsächsische und lateinamerikanische Literatur. Der Schriftsteller Ray Bradbury verwendete einen Satz von Jiménez als Epigraph für Fahrenheit 451: »Wenn man dir liniertes Papier gibt, schreibe quer darüber«. Das Zitat wurde zu einem Symbol für intellektuelle Rebellion und kreative Freiheit. Die puerto-ricanische Romanautorin Giannina Braschi evozierte Jiménez' Genie auch in Yo-Yo Boing!, wo verschiedene Künstler leidenschaftlich über seinen Platz innerhalb der spanischen poetischen Tradition debattieren.
Viele Kritiker sind der Meinung, dass die Größe von Platero und ich darin liegt, die alltägliche Einfachheit in eine fast heilige Dimension erhoben zu haben. Der Dichter Jorge Guillén erklärte: »Die reine Poesie fand in ihm ihr vollkommenstes Bewusstsein«. Und noch heute, mehr als ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung, bleibt die Figur des Platero eines der universellsten Symbole für literarische Zärtlichkeit und die leuchtende Nostalgie Andalusiens.
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