„Die letzten Briefe des Jacopo Ortis“ gilt als der erste große moderne Roman der italienischen Literatur und als eines der grundlegenden Werke der europäischen Vorromantik. In seiner endgültigen Fassung im Jahr 1802 veröffentlicht, entstand der Roman während der turbulentesten Jahre der napoleonischen Feldzüge in Italien und spiegelt tiefgreifend die politische, moralische und existenzielle Krise wider, die eine ganze Generation junger italienischer Intellektueller erlebte.
Das Werk hat die Form eines Briefromans: In einer Reihe von Briefen an seinen Freund Lorenzo Alderani schildert Jacopo Ortis sein Exil, seine politische Verzweiflung und seine unmögliche Liebe zu Teresa. Hinter der Liebesgeschichte verbirgt sich jedoch eine weit größere Tragödie: das Ende der mit Napoleon geborenen revolutionären Hoffnungen und der Zusammenbruch des Traums von einem freien italienischen Vaterland.
Jacopo ist ein junger Idealist, der nach dem Vertrag von Campo Formio im Jahr 1797 — mit dem Venedig an Österreich abgetreten wurde — in die Euganeischen Hügel flieht. Dort lernt er Teresa kennen, die jedoch Odoardo versprochen ist, einem kalten, aber gesellschaftlich angesehenen Mann, den die Familie aus wirtschaftlichen Gründen ausgewählt hat. Die unmögliche Liebe wird so zum Symbol für eine andere Unmöglichkeit: die der politischen Freiheit und der Selbstverwirklichung des Einzelnen in einer von der Gewalt der Geschichte dominierten Gesellschaft.
Foscolo verwebt kontinuierlich die private Dimension mit der kollektiven Tragödie. Jacopos Liebesschmerz ist nie getrennt vom Schmerz über das unterdrückte Italien, von der Enttäuschung über die Politik und von der Unfähigkeit des modernen Menschen, einen stabilen Sinn im Dasein zu finden. Aus diesem Grund wird der Roman oft mit Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ verglichen, doch besitzt Foscolos Werk eine weitaus explizitere und dramatischere politische Spannung.
Im Laufe des Romans durchquert Jacopo Städte und Landschaften, erlebt Begegnungen und Meditationen, die zu Anlässen werden, über den Tod, das Exil, das Gedächtnis und das Schicksal des Menschen nachzudenken. Berühmt sind die Seiten, die dem Besuch der Gräber von Petrarca und Dante gewidmet sind, wo einer der Grundpfeiler von Foscolos Poetik hervortritt: die Überzeugung, dass Poesie und Erinnerung dem Nichts trotzen und die Größe des Menschen über den Tod hinaus bewahren können.
Der Stil des Werkes vereint:
vorromantische Leidenschaft,
zivile Spannung,
Klassizismus,
psychologische Introspektion,
tragische Beredsamkeit in der Nachfolge Alfieris.
Jacopo Ortis wird so zum Prototyp des italienischen romantischen Helden:
unruhig,
isoliert,
unfähig, sich der Welt anzupassen,
vom Absoluten verzehrt,
zur Selbstzerstörung bestimmt.
Der abschließende Suizid ist nicht nur das Ende einer Liebesgeschichte, sondern der letzte Akt eines Mannes, dem es nicht gelingt, Ideale und Realität zu versöhnen. In diesem Sinne nimmt der Roman viele Figuren des europäischen 19. Jahrhunderts vorweg, von byronischen Charakteren bis hin zu den gequälten romantischen Helden der russischen und französischen Literatur.
Der Einfluss des „Ortis“ während des italienischen Risorgimento war enorm. Ganze Generationen lasen Jacopo als Symbol der für das Vaterland geopferten Jugend und der Spannung zwischen individueller Freiheit und politischer Unterdrückung. Der Roman trug zudem dazu bei, die Figur des Schriftstellers in die des Dichter-Exulanten zu verwandeln, des tragischen Zeugen der Geschichte und des unruhigen Gewissens der Nation.
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