Hintergrund des Werks: „Takekurabe“ spielt vor dem Daionji-Tempel in der Nähe von Yoshiwara in Tokio und beschreibt das Erwachsenwerden von Jugendlichen wie Midori, Shinnyo und Shōtarō in den Gassen, Festen und Spielen ihrer Nachbarschaft. Es ist eine lebhafte und komplexe Welt der Unterstadt (Shitamachi), geprägt von Händlern, Tempeln, Vergnügungsvierteln, Festen und Klatsch; die Kinder scheinen frei herumzulaufen, sind aber in Wirklichkeit bereits von familiären Berufen, Geschlechterrollen und Klassenpositionen umgeben. Midoris Zukunft ist mit dem Vergnügungsviertel verknüpft, während Shinnyo aus einer Mönchsfamilie stammt. Die vagen Gefühle zwischen ihnen tragen von Anfang an eine schwer zu überwindende Grenze in sich.
Literarische Merkmale: Higuchi Ichiyō beschreibt das Leben der städtischen Unterschicht in der Moderne mit einem klassisch anmutenden Stil. Der Text ist prachtvoll und rhythmisch dicht, wie ein geschäftiges Straßenbild voller Stimmen. Das Bewegendste an dem Werk ist, dass es die Kinder nicht voreilig in die Welt der Erwachsenen drängt, sondern detailliert schildert, wie sie sich in Spielen, Streitigkeiten, Schüchternheit und Schweigen allmählich ihres Schicksals bewusst werden. Details wie die Stoffstreifen, die Midori Shinnyo überreicht, oder ihr plötzliches Schweigen beschreiben die Schüchternheit und Traurigkeit des heranwachsenden Mädchens mit äußerster Präzision. Der Roman klagt das System nicht direkt an, lässt den Leser aber erkennen, wie das System den Alltag durchdringt.
Inhaltsangabe: Wer „Takekurabe“ heute liest, wird an viele Kinder erinnert, die durch ihre Umgebung gezwungen sind, frühreif zu sein. Es mahnt uns daran, dass Jugend nicht unbedingt nur aus Träumen und Freiheit besteht, sondern auch die erste Entdeckung sein kann, dass die verfügbaren Wege weniger sind als gedacht. Für den allgemeinen Leser ist dieses Buch sowohl eine Jugendgeschichte als auch eine sanfte, aber grausame Beobachtung über die Stadt, die Klasse und das Schicksal der Frauen. Die Kinder im Spiel kommen und gehen in der Nähe von Festen, Gassen, Läden und dem Bordellviertel; das Leben ist erfüllt von lebhaften Geräuschen. Midori ist lebhaft und stolz, die strahlendste Präsenz in der Gruppe; Shinnyo ist still und introvertiert, durch seinen Hintergrund in einer Priesterfamilie distanziert. Die Zuneigung zwischen ihnen zeigt sich nicht in klaren Geständnissen, sondern verbirgt sich in einer Hilfeleistung, einem Erröten, einem Zögern. Während Midori sich dem Schicksal nähert, in die Welt der Erwachsenen eingegliedert zu werden, werden die ursprünglich hellen Kinderspiele vom Schatten des Abschieds und der Scham gefärbt. Eine solche Geschichte lässt sich ohne tiefgreifende Literaturkenntnisse erschließen; wer den Entscheidungen, dem Zögern und dem Schweigen der Figuren folgt, spürt, wie das Werk einem die Situation eines Menschen langsam vor Augen führt.
Lexikon zum Werk
Leben der Autorin: Higuchi Ichiyō (1872–1896) hatte ein kurzes Leben und unterstützte lange Zeit den Haushalt in Armut, schrieb aber in ihren Zwanzigern mehrere Klassiker der modernen japanischen Literatur. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Meiji-Zeit.
Beziehung zwischen Autorin und Werk: Ichiyō war mit den unteren Vierteln Tokios vertraut und kannte die Situation von Frauen unter dem Druck von Armut und Ruf sehr gut. „Takekurabe“ verwandelt ihre Beobachtungen des Gassenlebens in ein feinfühliges Gruppenporträt.
Moderne Analogie: Wie eine Jugendserie ohne belehrenden Kommentar folgt die Kamera den rennenden Kindern, aber die Zuschauer sehen langsam, dass die Tür zur Welt der Erwachsenen da vorne nicht für alle gleich fair ist.
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