**Poes einziger Roman ・ Ein Abstieg in Kannibalismus, Mysterium und das weiße Unbekannte**
*Die Erlebnisse des Arthur Gordon Pym von Nantucket* (1838) ist der einzige vollendete Roman von Edgar Allan Poe. Angesiedelt zwischen 1827 und 1828, folgt er dem jungen Arthur Gordon Pym, der sich heimlich als blinder Passagier an Bord des Walfängers *Grampus* einschleicht. Seine Reise verwandelt sich schnell in eine Abfolge von Meuterei, Schiffbruch, Hunger, Kannibalismus und dem nackten Überleben auf See, bevor er von der Besatzung der *Jane Guy* gerettet wird.
**Eine Reise zum Unmöglichen**
Zusammen mit dem Seemann Dirk Peters dringt Pym weiter nach Süden vor und erreicht die mysteriöse Insel Tsalal, wo Begegnungen mit feindseligen Bewohnern und zunehmend surrealen Phänomenen die Expedition in Richtung Südpol führen. Der Roman endet abrupt mit dem Erscheinen einer gigantischen weißen Gestalt und hinterlässt eines der rätselhaftesten Enden der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Obwohl er als konventionelles maritimes Abenteuer beginnt, wandelt sich der Roman allmählich in psychologischen Horror, symbolische Allegorie, spekulative Erkundung und Gothic Mystery.
**Fiktion als Tatsache getarnt**
Poe beabsichtigte, die Erzählung wie einen authentischen Reisebericht wirken zu lassen und griff ausgiebig auf zeitgenössische Expeditionsjournale zurück, insbesondere auf die des Entdeckers J. N. Reynolds sowie von Captain James Cook, Benjamin Morrell und zahlreiche reale Schiffbruchberichte. Das Werk greift zudem die Theorie der hohlen Erde des neunzehnten Jahrhunderts auf und spiegelt Aspekte von Poes eigenen Erfahrungen auf See wider.
**Eine geteilte Rezeption**
Der Roman erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte im *Southern Literary Messenger*, bevor er im Juli 1838 als vollständiger Band veröffentlicht wurde. Die zeitgenössischen Kritiker waren gespalten: Viele verurteilten die grausame Gewalt, angebliche Entlehnungen aus der Reiseliteratur und das ungelöste Ende, während andere die außergewöhnliche Vorstellungskraft und den abenteuerlichen Umfang lobten. Poe selbst tat das Werk später als „ein sehr albernes Buch“ ab.
**Ein stiller Vorfahr späterer Meisterwerke**
Im Laufe der Zeit wurde *Die Erlebnisse des Arthur Gordon Pym von Nantucket* jedoch zu einem der einflussreichsten Werke Poes. Es inspirierte Herman Melville beim Schreiben von *Moby-Dick*, veranlasste Jules Verne dazu, die Fortsetzung *Die Eissphinx* zu verfassen, und prägte maßgeblich H. P. Lovecrafts Antarktis-Mythologie in *Berge des Wahnsinns*.
**In Poes eigenen Worten**
„Ein sehr albernes Buch.“ ― Edgar Allan Poe über seinen eigenen Roman
Heute gilt er als eines der grundlegenden Werke, die Schauerliteratur, Abenteuerliteratur, frühe Science-Fiction, psychologischen Horror und kosmisches Mysterium miteinander verbinden – ein Beweis dafür, dass selbst ein Roman, den sein eigener Autor ablehnte, den Kurs für ein Jahrhundert literarischer Vorstellungskraft bestimmen konnte.
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